Die immer lacht – oder nicht?

immer_lachtEs ist Nacht. Weit nach Mitternacht. So tiefdunkel und so spät und gleichzeitig früh, dass selbst an unserer Eckkneipe kein Licht mehr brennt. Und doch bin ich hellwach. Kann schon wieder nicht schlafen. Möchte am liebsten vor Wut und Verzweiflung strampeln. Doch kann mich kaum bewegen. Es reicht für eine müde Bewegung des rechten Beins, während das linke halbtot daneben liegt. Nein, es ist ganz und gar nicht gelähmt, doch scheint es seit 5 Wochen und vier Tagen nicht mehr zu mir zu gehören. Teils aufgeblasen wie ein Ballon, teils rot und blau, schmerzend und gleichzeitig taub. Die anderen Teile schlaff herunterhängend. Ich versuche mich verzweifelt an Strand und Meer zu erinnern. An jene Bilder im Kopf, die mich in den dunkelsten Minuten beruhigen und in den Schlaf wiegen. Familienfeiern, lachende Gesichter, seichte Wellen. Doch nichts will mich beruhigen, sodass ich schließlich das Weite suche und mich auf dem Sofa häuslich einrichten. Jenes Sofa, das die letzten Wochen mein ständiger Begleiter geworden ist. Jenes, das gleichzeitig Zufluchtsort, Homeoffice, Familie, Entspannung und Gefängnis darstellt. Ein solches Gefängnis, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Ich schaue jede 120 Sekunden auf die Uhr. Die Uhrzeiger bewegen sich in gleichtönigem Abstand, irgendwas mit tick und tack. Und doch fühlt es sich so anders an.

Also wälze ich mich durch Instagram und Facebook auf der Suche nach Abwechslung. Lande bei lachenden Gesichtern, die Wein trinkend ihren Spaß haben, Freunde treffen, Party machen, ihr Leben genießen. Nicht das richtige Mittel, um meinen Puls zu beruhigen und die Tränen zu trocknen. Irgendwann geben meine Augenlider doch nach und ich falle in einen tiefen, unruhigen Schlaf. Ich renne im Traum. Renne immer schneller, renne scheinbar um mein Leben. Begegne Tigern und Löwen und Leoparden. Stehe nur wenige Zentimeter vor ihnen, doch sie scheinen sich nicht für mich zu interessieren. An der nächsten Ecke gerate ich in eine Schießerei. Es scheint sich um ein Kriegsgebiet zu handeln. Ich werde verletzt und überlebe doch plötzlich unverletzt.

Die Sonne ist kaum aufgegangen, schon erwache ich aus diesem skurillen Albtraum. Muss mich kurz umsehen, um zu begreifen, dass mich mal wieder der gleiche Traum heimgesucht hat. Wie momentan nahezu jede Nacht. Ich renne und laufe ohne Pause in jedem Traum, nur um danach aufzuwachen und zu realisieren, dass rennen und laufen momentan das Letzte sind, was ich tun könnte. Es war so selbstverständlich und ist es plötzlich überhaupt nicht mehr. Also begnüge ich mich mit aufheiternden Youtube Videos, versuche mich an guter Laune Housemusik zum Wachwerden statt melancholischer Indiemusik. Sehe mir Carpool an statt traurige Filme und lenke mich mit Thriller-Literatur ab. Dann wiederum starre ich wie gebannt auf meine Whats-App-Nachrichten, scrolle erneut Facebook und Instagram durch. Bin nahezu süchtig nach Instagram Stories und Snapchat. Je mehr ich ans Sofa gefesselt bin und nicht mehr weiß, wie es sich anfühlt, mehr als 1 Minute draußen zu sein, wie eine Ubahn von innen aussieht und ob noch tiefster Winter oder doch schon Frühlingsbeginn ist, desto mehr begehrt es mich nach echtem Leben. Und das bedeutet momentan für mich, anderer Leute Leben anzuschauen statt selbst eins zu leben.

Hart, aber manchmal fühlt man sich so. Es ist nur vorübergehend und mein Leben wird weitergehen, doch manchmal steckt hinter einem fröhlichen Lächeln doch ein trauriges, sehnsuchtsvolles Gesicht. Jemand, der umarmt werden und sich unterhalten möchte. Und damit meine ich nicht das Sofa.

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2 Comments Add yours

  1. Danke, dass du den Mut hast, auch mal deinen Gefühlen Luft zu machen. Die meisten denken genau das, wenn sie die fröhlichen Facebookprofile der anderen sehen. Was dabei verborgen bleibt ist genau diese schlechte Zeit. Niemand porträtiert gern, dass er/sie eine schlechte Zeit durchlebt, aber alle tun das. Wir sollten viel offener darüber reden, weil wir dann die Chance haben, uns gegenseitig wenigstens gedankenlich ein bisschen zu unterstützen und weil es echt hilft, sich den Ärger von der Seele zu schreiben. Das graue Wetter hilft dabei natürlich auch nicht weiter. Ich wünsche dir viel Kraft und dass es bald wieder bergauf geht.

  2. salutjuli says:

    Lieben Dank für Deinen Kommentar, Rebecca! Ich musste mir das einfach mal von der Seele schreiben. Ich habe das Gefühl, häufig ist ein “Wie geht’s Dir?” gar nicht ernst gemeint. Man erwartet ein “gut” und ist gar nicht an Details interessiert. Oder anders: Sobald es einem schlecht geht und man weniger mobil ist, schlafen viele Beziehungen von selbst ein und man sieht das wahre Gesicht. Einfach weil viele gar nicht hören wollen, wenn und warum es einem schlecht geht. Das macht mich momentan am meisten fertig. Liebe Grüße nach Dänemark, Rebecca!

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