Am Horizont fit wie ein Turnschuh

Der Mensch ist im Grunde seines Wesens ein Stehaufmännchen. Er übersteht Kriege, Katastrophen, den Tod geliebter Menschen und schwere Krankheiten. Und trotzdem sieht man eines Tages wieder Licht am Ende des Tunnels, rappelt sich auf und weiter geht’s. Soweit die Theorie.

In Wahrheit sieht es etwas anstrengender, zermürbender und manchmal auch verzweifelter aus. Dauert es mehrere Monde, bis das Licht zurückkommt. Mal schneller und mal langsamer. Mal geradeaus und mal mit störrigen Stolpersteinen. Mit Tränen in den Augen, fahlem Gesicht, rötlichen Flecken und einer guten Portion Galgenhumor.

Keine Sorge, ich werde es überleben. Doch ganz so schmerzvoll und anstrengend hatte ich mir den Jahresbeginn nicht vorgestellt. Ein paar Mal hatte ich bereits darüber gesprochen: Meine Füße entsprechen nicht so ganz der Normalstatur, sind krumm und vor allem platt gewachsen. Nachdem ich in meiner Jugend so einige Male bereits auf dem OP Tisch und danach mit Gips auf dem Sofa lag, wurden die Schmerzen in den letzten zwei Jahren wieder so schlimm, dass ich mich nach einem kompetenten Arzt umsah. Und das ist in der Millionenmetropole Hamburg gar nicht so leicht. Ich musste mir anhören, mich mit meinen Schmerzen abfinden zu müssen. Und überhaupt sähen meine Füße doch gut operiert und gar nicht so schlimm aus! Das musste ich mehr als ein Jahr verdauen, redete mir ein, mir die Schmerzen nur einzubilden. Bis ich einen Tipp zu meinem jetzigen Fußchirurgen bekam. Dieser sah auf den Röntgenbildern sofort, woher die Schmerzen kamen. Eigentlich ganz einfach: Behebt man nicht die Ursachen, sondern nur die Symptome, kann alles immer wieder von vorn beginnen, die Schmerzen, die Selbstzweifel, Probleme richtige Schuhe zu finden.

Nach dem ereignisreichen Hochzeitsjahr erkor ich nun Anfang 2017 aus, um mich endlich um meinen Fuß zu kümmern. Arbeitete im Dezemeber vor, was nur möglich war. Schrieb Übergabelisten, arbeitete Kollegen ein, räumte noch mal unsere Wohnung auf, putzte und versuchte mir meine gute Laune zu bewahren. Das Ungewisse zu verdrängen, so lange wie möglich. Doch auch nach 5 Fuß OP’s hat man immer noch die gleiche Angst vor der sechsten wie vor der ersten. Versucht negative Gedanken so gut es geht in die hinterste Ecke zu drängen, um dann doch die ein oder andere Angstträne zu verdrücken. Glücklicherweise fand ich im Krankenhaus Leidensgenossinnen, denen es ähnlich wie mir ging. Die auch teilweise ein Märtyrium an Fuß-Ärzten, Operationen und Rehabilitationen erlebten. Und fühlte mich seit langem wieder verstanden. Es tut gut, plötzlich überall Frauen in meinem Alter zu sehen, die ähnlich krumm gehen wie ich. Und zu hören, dass ich nichts für meinen Plattfuß kann. Nicht zu hohe Schuhe sind schuld, sondern schlicht meine Gene.

Seit einer Woche bin ich nun wieder zu Hause und schwanke täglich zwischen Entspannung mit Fernseher, Netflix und Büchern, Langeweile ob meines genehmigten Radiuses zwischen Couch und Toilette und Gedanken an meine Zukunft. Wenn ich eins momentan habe, dann Zeit zum Nachdenken über Dinge, die ich will und die ich in Zukunft nicht mehr möchte. Ich hasse es den ganzen Tag auf dem Sofa liegen zu müssen und nicht aufstehen zu können. Das bin nicht ich, selbst an normalen Wochenenden liege ich für maximal zwei, drei Stunden mal und schaue fern. Bin viel lieber aktiv, gehe zum Sport, koche, backe, treffe mich mit Freunden. Es nervt mich, momentan nicht einmal über Essen bloggen zu können. Schlicht, weil ich nicht aufstehen und kochen und fotografieren darf. Rezepte verfassen ohne sie zu bebildern macht wenig Sinn. Und doch arrangiere ich mich so langsam damit und kümmere mich seit Langem nur um mich und meine Gesundheit. Schmiede Pläne, was ich alles tun möchte, sobald ich wieder laufen kann. Welchen Dingen ich mich in Zukunft verwehren möchte. Und Tag für Tag schwinden meine Schmerzen ein bisschen mehr und mein Galgenhumor kehrt zurück. Damit ich bald schon wieder fit wie ein Turnschuh bin.

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