Gemeinsam ist man weniger allein

gemeinsam_alleinWir Großstadtkinder wissen, wie Hektik, Stress und Zeitmangel gehen. Bevor der Wecker in aller Herrgottsfrühe klingelt, hat sich unser Kopf bereits angestellt und ist auf Standbye. Von Null auf hundert in 5 Sekunden.

Wir sind darauf getrimmt, uns in Windeseile für die Arbeit fertigzumachen, schaufeln uns das Müsli schnell hinein, schlürfen einen Green Smoothie und packen die Avocados für die Mittagspause ein. Düsen ins Büro und zerbrechen uns auf der Fahrt dahin bereits den Kopf über anstehende Meetings, abzuarbeitende To Do Listen und mögliche Komplikationen des beginnenden Tags. Kaum sind wir an unserem Schreibtisch angekommen, steht auch schon Kaffee für den nötigen Kick bereit. Erst leises, dann immer lauter werdendes Klicken und Klacken über unsere Tastatur erhellt den Raum. Unterbrochen von wildem Klicken mit Maus. Kaum klingelt das Telefon, reißt es uns aus unserer eben mühsam aufgebauten Konzentration.

Ziehen, Stechen, Beißen. Existieren nicht nur auf dem Kampffeld, sondern auch in manchem Büro. Nicht mit- , sondern gegeneinander. Glänzen im Scheinwerferlicht ohne Rücksicht auf andere Schatten, schmücken mit eigenen und auch manch fremder Feder. Manchmal möchte oder kann man nicht über den eigenen Tellerrand blicken. Sich nicht in andere Menschen hineinversetzen, nicht aufeinander zugehen, Kritik annehmen und sich selbst reflektieren. I’m the best of the best, no matter what other people might think of me! Was eigentlich ein erstrebendes Credo auch für mich ist, kann schnell falsch verstanden werden. Selbstzweifel können uns zerfressen, von innen nach draußen zerstören. Die ewige Frage: Bin ich gut genug? Kann ich es schaffen? Andererseits hindern Scheuklappen als Schutz vor der gesamten Umwet häufig daran, sich weiterzuentwickeln. Und dabei schwirrt uns ständig der drohende Gedanken im Kopf herum: Warum sind andere so anders als wir? Warum können manche nur an sich und den eigenen Erfolg denken – und obendrein damit Erfolg haben? Während ihre Gegenüber darunter leiden, sich um Kopf und Kragen arbeiten, rund um die Uhr, ohne Anerkennung und Lob dafür zu erhalten. Ich weiß, die beste Anerkennung kann man nur sich selbst geben. Auf die eigenen Erfolge stolz sein ist eine ausgezeichnete Gabe. Jegliche Unabhängigkeit vom Lob Anderer. Doch wirklich vollkommen unabhängig kann keiner davon sein, vor allem, wenn man tagtäglich auf seine Mitmenschen, seine Kollegen, angewiesen ist. Die Welt erobert sich schlecht von allein, gemeinsam geht vieles leichter. Doch bisher habe ich nicht das Geheimrezept für mich entdeckt. Nein, ich bin nicht der Typ, der rücksichtslos am eigenen Erfolg schraubt – der möchte ich auch nie sein. Erfolg um des Erfolgs willen, an allen Menschen vorbei, und schließlich allein auf der Zielgeraden zu stehen, das widerstrebt jeder meiner Zellen. Ich weiß, dass ich so vieles in meinem Leben nie erreicht hätte, wenn nicht entscheidende Menschen daran Anteil gehabt hätten. Und doch frage ich mich, was es mir bringt, wenn doch andere Menschen die Lorbeeren einfahren, während man selbst als Zaungast beiwohnen darf. Ohne Stimmrecht, ohne richtige Stimme.

Hätte ich diesen Text vor einer Woche geschrieben, hätte er hundertprozentig in Tränen geendet. Ein ewiger Lauf im Hamsterrad. Immer schneller rennen, um doch nicht ans Ziel zu gelangen. Wenn solche Gedanken vierundzwanzig Stunden lang in Deinem Kopf herumgeistern, Dich sogar in Deinen Träumen begleiten, kann das unwahrscheinlich fertig machen. Wenn man dann aber fünfhundert Kilometer Fahrtweg auf sich nimmt und plötzlich wieder frei lachen kann ohne schlechte Hintergedanken, dann kann sich das Blatt von einer auf die andere Sekunde ändern. Plötzlich kommt man wieder zur Ruhe, befreit sich aus der Endlosspirale aus schlechten Gedanken und macht wieder Platz für positive Gefühle. Es fühlt sich wahnsinnig gut, beruhigend und befreiend zugleich an, einen solchen Ruhepunkt in seinem Leben zu wissen. Komme ich in meine Heimat, interessiert es erst mal Niemanden, wie stressig mein Großstadtleben ist. Man ist wieder die kleine Jule, die jetzt aber schon ganz groß geworden ist. Spricht über die Kindheit, vergangene Erlebnisse, spickt sie mit allerlei Anekdoten und holt sie in die Gegenwart. Spricht über das Leben und auch den Tod und kann auch darüber lachen. Ja, auch darüber kann ich mit meiner Familie bei Zupfkuchen, Erdbeeren mit Schlagsahne und Kaffee durchaus locker sprechen. Es tut gut, sich für Nichts rechtfertigen zu müssen. Warum die Email noch nicht beantwortet wurde, Sachen immer noch nicht online sind und das Telefon dreimal klingelt, bevor man abnimmt? Interessiert sie nicht und das muss es auch gar nicht. Wie schön, eine Distanz zum Alltag zu wissen. Genau diese Distanz wünsche ich mir auch in meinem alltäglichen Feierabend zu Hause. Raus aus dem Büro, rein in die Freizeit. Ganz ohne an das nächste Meeting zu denken und bereits alle Konstellationen und Komplikationen zu bedenken, bevor sie akut werden. Vielleicht ist dies mein ganz persönliches Ziel für dieses Jahr, lernen meinen eigenen Weg zu gehen auf meine Art, mit und nicht gegen meine sozialen Kontakte. Und dabei trotzdem das Ziel fest vor Augen – auch wenn das vielleicht ganz anders aussieht als das jener „Einzelkämpfer“.

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