Ich bin Sächsin – na und?

Who you areAbseits meines ganz normalen Alltagswahnsinns hat mich in dieser Woche ein Artikel des Zeit Magazins in seinen Bann gezogen und nicht mehr loslassen wollen. Darin geht es um junge Menschen, die zum Teil in den Achtzigern, zum Teil in den Neunzigern geboren sind. Was sie verbindet?

Sie stammen allesamt aus den so genannten Neuen Bundesländern, gemeinhin auch Ostdeutschland bezeichnet. Die ehemlige DDR. Das interessiert 25 Jahre nach dem Mauerfall noch jemanden? Man möchte meinen, dass wir inzwischen zusammengewachsen sind und nicht mehr zu unterscheiden ist, ob wir aus West- oder Ostdeutschland kommen. Aber scheinbar ist dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen. Schaltet man nur einmal kurz den Fernseher ein, berichten die Nachrichten wie so oft von der Ost-West-Angleichung, unterschiedlichen Löhnen und Lebensstandards. Ganz zu schweigen von diversen Scripted-Reality-Sendungen, die für mein Empfinden zu 90 Prozent Einwohner ostdeutscher Städte protraitieren, zumeist Harz IV –Empfänger. Traurig, aber leider Realität.

Nun wohne ich seit mehr als 4 Jahren in Hamburg. Würde dies aber nicht stigmatisiert als West- sondern vielmehr als Norddeutschland bezeichnen. Welcher Hamburger möchte bitteschön mit einem Münchner oder Düsseldorfer in einen Topf geworfen werden? Ja, auch ich durfte mir bereits desöfteren alle möglichen Clichés zur ehemaligen DDR anhören. Das fängt bei Bananen an und endet mit dem Soli.

Im Jahr 2014 finde ich es persönlich auch viel zu kurz gegriffen, jemanden aus Sachsen oder Brandenburg als Ossi zu bezeichnen. Geografisch natürlich kein Problem, aber wir alle wissen, dass damit mehr gemeint ist. Für viele mag es überraschend sein, aber der Osten besteht nicht nur aus den so häufig belustigend angesehenen Sachsen! Die Rostocker ticken ganz anders als die Erfurter oder Cottbuser. Und selbst zwischen einem Dresdner und einem Erzgebirgler lassen sich so einige Unterschiede ausmachen. Man kann also so wenig von DEM Osten wie DEM Westen, DEM Norden oder DEM Süden sprechen.

Ich selbst gehöre zu den Wendekindern, zu jenen, die nur ein halbes Jahr im Tal der Ahnungslosen gelebt haben, bevor die Mauer fiel. Jene, die sich natürlich überhaupt nicht an den Alltag in der DDR erinnern können. Und die es schon länger nicht mehr hören möchten, einfach als Ossi abgestempelt zu werden. Witze darüber machen: kein Problem. Aber ständig die gleichen Dinge wiedergekaut zu bekommen à la „Ihr hattet doch nichts“ mag ich mir schlicht und ergreifend nicht mehr ständig an allen Ecken anhören. Selbstverständlich bin ich allein schon durch meine Eltern und Großeltern geprägt worden. Sie haben am eigenen Leib erlebt, was es heißt, in der DDR zu leben und zu überleben. Aber darf man sich nicht auch an gute Zeiten erinnern? An Familienfeste, Weihnachten oder Hochzeiten?

Eins sei gesagt: Ich bin heilfroh, hier jetzt gerade in Hamburg auf dem Sofa sitzen und wann immer ich mag reisen zu dürfen. Schätze mich glücklich, nie in einer Diktatur bewusst gelebt zu haben und reflektiere sehr wohl kritisch alle verklärend angehauchten Erzählungen über die DDR. Aber stellt Euch vor, Euch wird plötzlich erzählt, dass alles, was Ihr je gelernt und erlebt habt, falsch und unethisch war, Euer gesamtes Leben auf der Lüge einer Diktatur basierte – würdet Ihr Euch nicht auch angegriffen fühlen? In Zweifel ob Eurer eigenen Identität geraten? Jener Momente, in denen Ihr Euch – trotz aller Widrigkeiten – glücklich fühltet? Und ohne hier gleich als Ostaligin abgestempelt zu werden: Für meine Mutter und Großmutter war es normal und schön, Kinder und Familie zu haben und trotzdem einen Beruf auszuüben. Darauf bin ich sehr stolz und davon zehre ich noch heute. Für mich ist es genauso selbstverständlich, mich selbst verwirklichen zu wollen. Und nein, ich habe meine Mutter nicht als Rabenmutter gesehen, nur weil ich mit 1 Jahr in die Kinderkrippe ging!

Ja, es gehört zu meiner Identität, Dresdnerin zu sein. Genauso wie es ein Nürnberger, ein Kölner oder ein Hamburger von sich sagen wird. Aber das hat in meinen Augen nicht unbedingt etwas mit Ost-West-Stigmatismen zu tun, sondern mit purer Regionalität. Ich bin froh um jede Erinnerung (ob verklärend oder nicht), jeder Geschichte meiner Vorfahren. Und mündig genug, meine eigenen Lehren daraus zu ziehen. Und jetzt machen wir die Ossi-Wessi-Schublade mal für einen kurzen (oder hoffentlich längeren Zeitraum) zu und widmen uns vielleicht mal anderen Regionen, die mindestens genauso schön sind.

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4 Comments Add yours

  1. Ein wahres Wort! Habe selbst als “Wessi” in Leipzig studiert und mit Erschrecken festgestellt, wie viele Klischess und Stereotypen auf beiden Seiten noch herrschen. Ich hatte jedenfalls eine super Zeit da, die ich nicht missen will, und hoffe, dass irgendwann Ost und West ganz passé ist! Liebe Grüße aus NRW, Sabrina

    1. Ich danke dir für deinen lieben Kommentar, liebe Sabrina! Ich habe wie du in Leipzig studiert und da selbst gemerkt, dass meine Heimatstadt Dresden schon eine andere Welt als Leipzig ist. Und Hamburg noch viel mehr. Aber gerade durch viel Reisen merkt man, dass wir doch alle nicht so verschieden sind wie anfangs gedacht. Liebe Grüße aus Hamburg, Juliane

  2. Super Text, Juliane! 🙂 Ich denke, der Text lässt sich auch auf noch größere Rahmen spannen. Hier im Ausland merkt man wie das ist mit Vorurteilen, Besserwissern ( auf Geschichte bezogen) und Ähnlichem. Und das sollte keinen Platz finden. Jeder soll ein Recht darauf haben, auf die Familie und die eigene Geschichte stolz zu sein. Und selbstverständlich auch auf die Region, aus der man stammt. Denn es ist immer besser, sich auf das positive, schöne zu konzentrieren anstatt alles mies machen zu wollen. 🙂

    1. Da hast du vollkommen recht, Rebecca! Versuchen wir immer aus der Geschichte zu lernen, aber eben auch die positiven Dinge mitzunehmen! 😊

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